Schriftgröße:

Zahlreiche Ehrengäste beim Empfang zum 80. Geburtstag von Jürgen Goertz

„Es lebe Europa, die Freiheit, der Friede“
Zahlreiche Ehrengäste beim Empfang zum 80. Geburtstag von Jürgen Goertz – Rückblick Stationen des künstlerischen Schaffens – Bürgermeister: „Gedanken machen um das Morgen“


Von Ralf März

Angelbachtal. (ram) Besondere Ehre für einen besonderen Angelbachtaler: Mit einem Empfang im Rathaus gratulierte die Gemeinde am Wochenende ihrem Ehrenbürger Prof. h.c. Jürgen Goertz zu seinem 80. Geburtstag.
Gekommen waren neben der Familie Goertz auch Gemeinderäte, Freunde und Weggefährten des Jubilars. Schon bei der Begrüßung im historischen Wasserschloss riefen die Bilder an der Wand Erinnerungen bei vielen Gästen wach: Aus dem Nachlass von Werner Hausser hatte Hauptamtsleiter Diethelm Brecht Bilder ausgewählt, die das Leben und Wirken des Künstlers in seiner Wahlheimat dokumentieren. Den Umbau des Marstalls neben dem Heckerhaus, in dem die Familie Goertz wohnt beispielsweise, oder die Aufstellung der Großplastiken im Schlosspark.
Viele weitere Fotos und Filmausschnitte folgten im Verlauf des Abends in Form einer Präsentation, welche die über vierzigjährige Verbundenheit von Jürgen Goertz zu seiner Wahlheimat Angelbachtal mit zahlreichen Stationen seines künstlerischen Schaffens zeigte.
Begonnen hatte alles mit dem Altarkreuz und dem Taufbecken, welches Jürgen Goertz 1968 für die evangelische Kirche Michelfeld gestaltet hatte. Einige Jahre später zog er mit seiner Familie ins historische Geburtshaus von Friedrich Hecker neben dem Schlosspark ein. Die angrenzende alte katholische Kirche wurde zu seinem Atelier. Inzwischen wurde das Ensemble mit den benachbarten Gebäuden samt Garten zu einem „eigenen Kunstwerk“ verwandelt, so Bürgermeister Frank Werner in seiner Ansprache.
Kräftig im Ort und auch im Gemeinderat diskutiert wurde, als die ersten Großplastiken von Jürgen Goertz 1990 im Schlosspark aufgestellt wurden. Heute gehören sie fest zum Bild des Eichtersheimer Schlossparks dazu. In über 80 Städten und Gemeinden stehen die markanten Werke, die in der ehemaligen Schlosskirche geschaffen wurden, unter anderem auch in Yokohama (Japan). Die größte Pferdeskulptur steht mit dem „S-Printing Horse“ in Heidelberg, seit 2007 ziert das „Rolling Horse“ den Vorplatz des Berliner Hauptbahnhofs. Prominenten Besuch gab es daher öfters in Angelbachtal, Ministerpräsident Lothar Späth landete spektakulär mit dem Hubschrauber im Schlosspark, Erwin Teufel kam 2004 zur Verleihung des Ehrentitels „Professor h.c.“ als Anerkennung „für einen der bedeutendsten Bildhauer seiner Generation.“
Seit dem Jahr 2014 ist Professor Goertz Ehrenbürger der Gemeinde Angelbachtal. Bürgermeister Frank Werner attestierte ihm deshalb vor den Ehrengästen, „nicht nur das Heckerhaus, sondern die ganze Gemeinde geprägt“ zu haben.
Mitgebracht hatte Werner neben einem Glaswappen der Gemeinde und einer Schachtel besonderer Zigarren, die er an den Jubilar überreichen konnte, auch einen Wunsch: „Wir müssen uns jetzt, da Sie noch in der vollen geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit stehen, Gedanken machen um das Morgen.“ Dazu muss man wissen, dass heute lediglich drei Kunstwerke im Eigentum der Gemeinde sind: das Steinkunstwerk beim Schlossteich, das Gedenkrelief für Bürgermeister Fritz Brandt an der Fassade der Sonnenberghalle und seit dem Jahr 2015 das „Ortsprofil im Kreisverkehr“. Bei allen anderen Plastiken im Park und auf dem Heckerplatz handelt es sich um Leihgaben. Nicht zu vergessen das Gesamtkunstwerk Heckerhaus, Marstall und der dazugehörige Skulpturengarten.
Für die musikalische Umrahmung des Abends sorgte Bürgermeister Frank Werner persönlich, mit seiner Bandkollegin Snezana Michel stand er, begleitet von Frank Reinbold am Mikrofon, ließ Peter Maffays „Nessaja“ erklingen genau wie „Shallow“, im Original von Lady Gaga und Bradley Cooper.
„Demütig erlebe ich die öffentliche Wertschätzung“, so Jürgen Goertz in seiner Ansprache, in der er nicht nur die ein oder andere Anekdote zum Besten gab, sondern auch kritische Worte fand: „Als freischaffender Künstler habe ich oft die klischeehafte Welt bestätigt gesehen, außerhalb der Gesellschaft zu stehen“, auch die Familie habe das zu spüren bekommen. Reden wollte er vor den Ehrengästen aber nicht über seine zahlreichen Stipendien und Preise, vielmehr schlug er einen Bogen über die Flucht seiner Familie, die er als Sechsjähriger miterlebt hatte, hin zu den derzeitigen Flüchtlingen: „Verlasst schnellstmöglich die Rolle der Passiven!“ riet er ihnen. „Meine Familie hat das damals praktiziert, es hat sich gelohnt!“
„Es lebe Europa, die Freiheit, der Friede“ schloss Goertz seine Rede, nicht ohne ganz konkret England und Amerika anzusprechen mit dem Wunsch, dass diese wieder „mit dem Rest der Welt kompatibel“ sein mögen.  




Selbstporträt: „Kein Bild von Arroganz“


(ram) Nicht nur als rüstiger Jubilar, der jetzt auf „sein neuntes Lebensjahrzehnt blickt“, wie Bürgermeister Frank Werner es treffend formulierte, stand Jürgen Goertz im Bürgersaal vor den Ehrengästen, sondern auch als eigenes Bildnis: Entstanden war dies bereits vor einigen Jahren in New York, wo der Künstler einer Gruppe von Studenten betreute. „Nicht ein Bild der Arroganz, sondern des Respekts an die Hochhäuser, die Bauten in New York“ soll dies zeigen. Zu sehen ist sein Haupt mit den Zügen der Freiheitsstatue auf einem Backstein – eine Anspielung auf den „Ground Zero“ nach dem Anschlag – mit den vergoldeten Strahlen der Freiheit und als provokantes Statussymbol einem Porsche auf dem Kopf. Viele Diskussionen gab es gerade deshalb später, so Goertz.