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Bürgerinformation: Bevölkerung und Neubaugebiete

Da dieses Thema momentan in der Presse wieder aufgegriffen wurde, hier der Bericht  der Bürgerversammlung vom 23.01.2020, in dieser der Sachverhalt detailliert aufgegriffen und erläutert wurde.

Bericht der Bürgerversammlung vom 23.01.2020:
Angelbachtal. (ram) Knapp drei Stunden wurde am Donnerstagabend informiert und diskutiert in der Sonnenberghalle: Rund 120 Bürger waren zur Bürgerversammlung gekommen, bei der vor allem die Bevölkerungsentwicklung in Angelbachtal und die Schaffung von Bauflächen im Vordergrund stand. Rege machten die Bürgerinnen und Bürger von der Möglichkeit Gebrauch, Fragen zu stellen oder ihre Meinung kundzutun. Neben kritischen und teils emotionalen Äußerungen war ein deutlicher Zuspruch für die Prüfung und Schaffung von Neubauflächen zu erkennen.
Bevor jedoch diskutiert wurde, ging Hauptamtsleiter Diethelm Brecht anhand einer Präsentation auf die statistischen Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung ein. Befasst hatte sich damit bereits der Gemeinderat und brachte im Dezember 2019 mit deutlichen Mehrheiten vier Baugebietsverfahren auf den Weg (wir hatten berichtet).
Im Rückblick auf die letzten 15 bis 20 Jahre hätte die Gemeinde ohne den Zuzug in die Neubaugebiete und die im Innenraum der Gemeinde entstandenen neuen Gebäude rund 930 Einwohner weniger, führte Brecht aus. Seit Jahren schwankt die Einwohnerzahl bei rund 5000. Die Wohndichte in älteren Baugebieten nehme ab, zeige die Betrachtung des Baugebiets „Mittelbach“, welches in den 70er Jahren entstanden sei. Doch die Gebäude, häufig nur noch von einer Person bewohnt, seien in Privatbesitz, stünden somit nicht für eine Umnutzung zur Verfügung.
Von einem negativen „Geburten-Sterbe-Saldo“ und von deutlich in der Statistik zu erkennenden Wegzügen zu Ausbildung und Studium sprach der Hauptamtsleiter zu den Ursachen und ging auch auf mögliche Auswirkungen ein: Gibt es weiterhin zwei Ärzte, Apotheken, Bäcker und Supermärkte am Ort, kann die Werkrealschule und die Kinderbetreuung in Krippe, Kindergärten und in der verlässlichen Grundschule zukünftig noch finanziert werden? Als Beispiel führte Diethelm Brecht an, dass bei den 930 Einwohnern, die Angelbachtal ohne die Baugebiete der letzten 20 Jahre weniger hätte, alleine die Finanzzuweisungen jährlich 1,4 Millionen Euro niedriger wären: Maßnahmen oder Personal in Kinderbetreuung oder in der Verwaltung müssten eingespart werden, klang in der Versammlung an.
Deutlich wurde der Hauptamtsleiter in seinem Fazit. „Wenn wir nicht entgegensteuern, geraten wir in einen negativen Abwärtsstrudel, in dem sich bereits viele ländliche Gemeinden im Kraichgau befinden“, schloss Brecht seinen Vortrag mit technischen Tücken in der Präsentation.
Bauverwaltungsleiter Daniel Oestrich informierte über Innentwicklungsprojekte, von denen es in den letzten 15 Jahren 34 Stück gegeben hatte. Als Anreiz wurde dazu im Jahr 2013 auch die Fördermöglichkeit über das Landessanierungsprogramm beschlossen, 44 private Sanierungs- oder Ordnungsmaßnahmen wurden dabei bisher mit 620.000 Euro gefördert. Das Programm läuft bis ins Jahr 2022.
Auf Anregung aus dem Gemeinderat habe die Verwaltung auch die Eigentümer der 64 unbebauten Grundstücke im Gemeindegebiet angefragt, berichtete Oestrich: Die Rücklaufquote habe nur bei 34 Prozent gelegen, lediglich ein Eigentümer habe aktuelles Verkaufsinteresse geäußert, fünf beabsichtigen einen Verkauf in den kommenden zwei Jahren. Insgesamt sei weitere Innenentwicklung kaum möglich.
Der Bauverwaltungsleiter ging auch auf die Bauflächen der letzten Jahrzehnte ein und sprach bezogen auf die Gebiete, die 1945 bis 1992 (68,5 Hektar) geschaffen wurden, von einer sehr geringen Flächeninanspruchnahme (2,8 Hektar seit 2013) in den letzten Jahren.
Auch auf die vom Gemeinderat beschlossenen vier Suchfeldern ging Oestrich ein und unterstrich, dass es sich um „ergebnisoffene Verfahren handle.“ Am Ende gehe es darum, das Aussichtsreichste umzusetzen.
„Warum gehen junge Leute weg?“ hinterfragte ein Bürger in seiner Wortmeldung und regte an, Arbeitsplätze zu schaffen, um junge Leute am Ort zu halten. Die Ausweisung von Gewerbeflächen sei aufgrund der Regionalplanung für Angelbachtal jedoch kaum möglich, erklärte Bürgermeister Frank Werner. Lediglich kleine Flächen für die Expansion von bestehenden Unternehmen seien möglich.
Kritisch sah eine Bürgerin den Verkehr am „Nadelöhr Schule“ und fürchtete auch Kosten für die Anlieger, wenn beispielsweise neue Kanäle für die Anbindung der Baugebiete nötig würden. Derartige Kosten könnten nicht auf Anwohner umgelegt werden, stellte Werner klar. Als „hausgemachtes Problem“ bezeichnete der Bürgermeister das höhere Verkehrsaufkommen beim Bringen und Abholen der Schüler und Kindergartenkinder.
Ein Bürger zitierte von der knapp 2800 Einwohner zählenden Gemeinde Sternenfels, die nicht Wohnflächen, sondern Gewerbeflächen geschaffen habe, um attraktiv zu bleiben. Kompetente Leute sollen eine Arbeitsgruppe gründen, regte er an und auch weitere Bürger wünschten sich „nachhaltige“ und „innovative“ Ideen.
Ob der Vortrag, der von anderen Rednern hoch gelobt wurde, „das ist, was uns an Informationsfakten zusteht?“ kritisierte eine Bürgerin die dargestellten statistischen Zahlen. Sie sprach sich gegen die Verdichtung im Innenraum aus, wo fruchtbare Gärten bebaut würden. „Lieber Neubaugebiete auf Agrarbrachen“, war ihr Fazit.
Den angewandten Paragrafen 13b des Baugesetzbuches für die Ausweisung der Neubauflächen ohne Umweltverträglichkeitsprüfung bezeichnete eine andere Bürgerin als fragwürdig. Sie sprach bei den großteils intensiv als Ackerflächen genutzten Flächen von Rückzugsgebieten für Tiere und Pflanzen. „Auf den letzten Drücker“ sei im Dezember vom Gemeinderat entschieden worden, und zwar „ohne nachzudenken“ kritisierte sie den Rat.
Angeregt wurde die Schaffung vom Mehrgenerationenhäusern in einem bezahlbaren Projekt. Verschiedene Bürger gingen auf die Attraktiven Angebote der Gemeinde ein, die es zu halten gelte. Dabei wurde auch Augenmaß und Rücksicht angesprochen, mit der in den letzten Jahren Flächen geschaffen worden waren.
Neue Baugebiete und Gebäude hätten auch Vorteile für die Umwelt, führte ein Bürger an, denn sie seien wesentlich nachhaltiger und energieeffizienter.
Als Vorsitzender der Unternehmerinitiative erklärte Markus Haaß, dass die 70 Unternehmen, Handwerker- und Dienstleister auch zukünftig auf Arbeitskräfte und Kunden angewiesen seien, weshalb neue Bauflächen unumgänglich seien.
„Schockiert von den Zahlen“ erklärte ein anderer Bürger: „kein Zweifel, dass etwas getan werden müsse.“  
Doch nicht nur sachlich argumentiert wurde in der Sonnenberghalle, auch Kritik an den Kritikern wurde laut: Die, die den Umweltschutz in den Vordergrund stellen, hätten einst auch auf der grünen Wiese gebaut, erklärte ein Bürger.                         Ralf März